Über Schulen und lineare Lebensläufe

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Eines meiner Lieblingsbeschäftigungen, wenn ich abends im Bett liege, ist Ted Talks sehen. Ich weiß nicht, aber das meiste andere, was man sich im Internet so ansehen kann, ist entweder zu lang oder zu langweilig. Ted Talks, das sind die Mitschnitte von Reden, die eine Reihe schlauer, innovativer Leute auf den sogenannten Ted-Konferenzen gehalten haben, deren Motto „Ideas worth spreading“ ist. Die „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“ sind 15 bis 20 Minuten lang und gibt es zu allen möglichen Themen, gehalten von Professoren, Forschern, Firmengründern, Mönchen oder einfach nur Menschen, die etwas Besonderes erlebt haben.

Einer meiner Lieblingsredner momentan ist Sir Ken Robinson. Sir Robinson ist ein international geschätzter Berater für die Entwicklung von Kreativität, Innovation und Personal in Schulen und Unternehmen. Hört sich langweilig an, ist es aber nicht, wenn Sir Robinson darüber spricht. Mit Charme und einem hohen Unterhaltungswert erklärt er sein Anliegen, was es zu einer Lust macht, ihm zuzuhören.

Seine provokative These: „Do Schools Kill Creativity?“ – „Zerstören Schulen die Kreativität?“. Eine Art Fast Food Modell der Bildung, das seien die heutigen Schulen, geprägt durch drei Prinzipien: Linearität, Konformität und Standardisierung. Linearität, weil die Kinder einem vorgeschrieben Plan von Schule und Studium folgen würden, an dessen Ende der vermeintlich sichere Arbeitsplatz stehe. Konformität, weil alle Schüler gleich unterrichtet und allenfalls ihrem Alter entsprechend unterschiedlich behandelt würden. Standardisierung, weil in vielen Ländern Mathematik und Sprachen als wichtigste Fächer angesehen würden, es standardisierte Test gebe und auch der Schultag in Stunden- und Pausenabschnitten standardisiert sei. Das sei Lernen wie am Fließband. Aber, so Sir Robinson, menschliches Lernen sei kein industrieller Prozess, sondern organisch und vielfältig.

Linearität und Standardisierung, das ist Kontrolle, wozu wir Deutschen eine gewisse Affinität haben. Ein linearer Lebenslauf wird hoch geschätzt von den Firmen. Ist doch klar: Das haben wir natürlich alles so geplant. Jedenfalls versuchen wir es so in unserem Lebenslauf aussehen zu lassen. Aber finden die so Ausgebildeten auch die Lösungen für die Probleme von morgen? Angefüllt sind sie mit dem Wissen von gestern in ihrem Fachbereich. Doch können sie auch kreative, neue Ideen finden?

Kreativität, das seien originelle Ideen mit Wert, so Sir Robinson. Sie entstehe beim Austausch verschiedener Sichtweisen zu einem Thema. Und hier liegt das Problem. Bei einem linearen Lebenslauf und höchstmöglicher Spezialisierung fehlt es am interdisziplinären Austausch, der etwas Neues hervorbringen könnte. So kochen die Branchen in ihrem immer gleichen eigenen Saft. Sollte doch mal einer mit einer ungewöhnlichen Idee daherkommen, sieht er sich einer Armee linearer Lebensläufe gegenüber, die ihn ausbremst aus Mangel an Vorstellungskraft oder auch Risikofreudigkeit etwas Neues auszuprobieren und ja, dabei vielleicht auch zu scheitern, aber eben auch mit der Möglichkeit Innovationen hervorzubringen. Die Frage bleibt, können wir uns das in Zukunft leisten?

Das Potential der Kreativität zeigt ein Test von Sir Ken Robinson eindrucksvoll. Er gab Kindern ein weißes Blatt. Darauf war mit schwarzen Linien ein Dreieck gemalt. Sie sollten das Bild weiter malen. Die eine Gruppe war absolut frei, wie sie das Bild weiter malten; der anderen sagte er, es gebe eine richtige Lösung. Die Gruppe, die glaubte, es gebe eine richtige Lösung, ergänzte fast einheitlich das Dreieck so, dass ein Haus entstand mit dem Dreieck als Dach. Die andere Gruppe aber malte eine Vielzahl von verschiedenen und bunten Bildern. Es entstanden Gesichter und Vögel und vieles mehr.

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