Zeitdruck

English Version

Neulich in einer Einkaufsschlange einer Drogerie beobachtete ich eine Frau vor mir. Das Kassieren war aus irgendeinem Grund ins Stocken geraten. Die Kassiererin musste die Kassenzettelrolle austauschen oder etwas Ähnliches. Ich weiß es nicht mehr. Es war einer der Gründe, für die die Dame an der Kasse nichts konnte und man sich mit geduldiger Gelassenheit in sein Schicksal fügte. Die Frau, die ich beobachtete, war jedoch nicht so gelassen. Sie schnaubte wie ein unruhiges Pferd und sagte wohl auch etwas. Ihre Ungeduld war offensichtlich. Obwohl der Vorfall gerade erst einmal eine Minute gedauert hatte und eigentlich nach ca. fünf Minuten auch schon erledigt war, worauf sich die Frau schnell auch wieder beruhigte.

Offensichtlich hatte sie eine Nulltoleranzschwelle, was das Warten an der Kasse betraf. Sie schien davon auszugehen, dass alles sofort und schnell funktionieren müsse und sie innerhalb einiger weniger Minuten das Geschäft verlassen können müsse. Was ja in der Regel auch so ist. Probleme dürften nicht auftreten und wenn sie auftreten würden, müsse man sie sofort lösen können.

Woher kommt diese Erwartung? Hatten Menschen schon immer solche Erwartungen an das Servicepersonal? Oder hat es Zeiten gegeben, wo man mehr Zeit hatte und sie auch anderen zugestand?

Die Beschleunigung des Lebens und die notorische Zeitknappheit scheinen Volkskrankheiten zu sein. Es stimmt, unser Leben ist in den letzten Jahrzehnten sehr viel schneller und stressiger geworden. Mit Autos und Flugzeugen überwinden wir in wenigen Stunden große Strecken. Technik und Maschinen lassen uns schneller und mehr produzieren. Auch das Internet hat dafür gesorgt, dass wir viele Dinge sofort bekommen, wie Informationen oder Flugtickets. Wir haben wohl das Warten verlernt.

Und obwohl wir so viele Dinge sofort und ohne langes Warten bekommen, scheinen wir heute nicht mehr, sondern weniger Zeit zu haben. Wo verlieren wir denn die ganze Zeit, die wir durch neue Technologien gewonnen haben? Ein Problem dabei könnten wohl auch die Erwartungen, die wir an unser Leben haben sein. Was ist ein gutes, erfülltes Leben? Erwarten wir heute nicht alle, dass wir eine gute Ausbildung bekommen und dann einen Job mit guten Verdienstmöglichkeiten und Karrierechancen. Natürlich wollen wir uns mit dem Job auch selbst verwirklichen und Erfüllung finden. Dazu erwarten wir den perfekten Partner, eine harmonische Liebe und perfekte Kinder, immer genug Geld, um sich alles kaufen und reisen zu können. Viele dieser Erwartungen, wie die Möglichkeiten zu reisen, eine gute Gesundheitsversorgung oder die Ausbildungsmöglichkeiten können in unserer modernen Welt auch erfüllt werden, aber eben nicht alle. Doch die Idee, alles bekommen zu können, ohne große Probleme oder Arbeit ist wohl eher eine Vorstellung, die durch die Werbewirtschaft geprägt wurde, als Realität.

Vielleicht sind die Menschen aber auch deshalb immer weniger geduldig, weil in unserer schnellen Welt mit den tausend Möglichkeiten auch hohe Erwartungen an uns herangetragen werden. Im Arbeitsleben müssen wir schnell, effektiv und flexibel sein, sonst wird entweder der Chef oder der Kunde ungeduldig. Im Umkehrschluss erwarten wir von anderen, dass sie ebenso schnell und effektiv sind, wie wir sein müssen. Den Druck, den wir tagtäglich spüren, geben wir weiter. Wo kämen wir denn hin, wenn wir alle so langsam arbeiten würden.

Aber so erzeugen wir Stress, nicht nur für die besagte Kassiererin in dem Beispiel, sondern auch für uns. Vielleicht sollten wir einfach den Tag mit etwas weniger Aktivitäten füllen und diese dafür mehr genießen. Dann bringen einen auch kleine Zeitfresser, wie dieses unvorhergesehene Warten an der Kassenschlange nicht aus der Ruhe und man nutzt die Gelegenheit sogar für einen sozialen Kontakt, wie ein freundliches Wort an die Kassiererin und ein Gespräch mit den anderen Wartenden.

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