Commitment Problem – Die Schwierigkeit sich festzulegen

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Die schwierigste Entscheidung im Supermarkt ist für mich, welche Schokolade ich kaufe. Zumindest ist es die Entscheidung, die am längsten dauert. Und manchmal kann ich mich auch gar nicht entscheiden und gehe einfach ohne los. Schließlich geht es hier um ein kleines Stück Vergnügen und da möchte man keine Abstriche machen und das Optimum herausholen. Warum kann ich mich nur nicht entscheiden? Eigentlich müsste ich mich nur in die reichhaltige Vielfalt des Angebotes stürzen und ausprobieren. Die Frage ist nur, welche dieser dunkelbraunen Verführungen mir am meisten Vergnügen bringen wird. Denn vielleicht entscheide ich mich falsch und der verlockende Aufdruck auf der Verpackung entspricht gar nicht dem Inhalt.

Wir alle kennen diese Situation, oder? Die Vielfalt an Produkten und Möglichkeiten, die wir heute haben, führt nicht dazu, dass wir uns schneller entscheiden oder mehr ausprobieren, sondern bewirkt genau das Gegenteil. Es wird schwieriger sich auf etwas festzulegen, sei es eine berufliche Karriere, den Urlaubsort, eine Freizeitaktivität oder den Lebenspartner. Oder nehmen wir den Silvesterabend. Ein klassisches Beispiel: Man fragt sich Wochen vorher, was man denn zu Silvester vorhabe. Und hier und da gibt es Ideen und Möglichkeiten, aber die verbindliche Entscheidung für etwas lässt man sich bis ganz zum Schluss offen. Immer meldet sich das Belohnungszentrum im Gehirn und sagt: „Halt stop mal! Vielleicht gibt es ja noch was Besseres.“
Es ist die pure Angst etwas im Leben zu verpassen. Das Paradoxe daran aber ist, dass man genau durch dieses Verhalten vielleicht eine Chance oder ein schönes Erlebnis verpasst. Man war einfach zu beschäftigt damit, das absolute, maximale Optimum zu suchen. Ein günstiger Moment geht vorbei und kommt vielleicht nie mehr wieder.

Unsere überzogenen Erwartungen und der Hang zur Optimierung und Maximierung ist eine Krankheit unseres Wirtschaftssystems und der Kultur, die sich darauf aufgebaut hat. Alles muss perfekt sein und das gleich beim ersten Versuch. Ein Ausprobieren, Scheitern, Lernen und dann wieder offen sein für Neues und neu Ausprobieren liegt nicht in unserer aktuellen Kultur. Aber ob eine Schokolade gut oder schlecht ist – um in diesem Bild zu bleiben – findet man schließlich nur heraus, wenn man herzhaft hineinbeißt. Danach lässt sich eine Entscheidung schon sehr viel leichter treffen.

Vielleicht ist die kleine Silvesterparty beim Nachbarn ein voller Reinfall, weil man sich zu Tode langweilt. Aber auch das ist Leben. Eine gute Portion Humor hilft hier. Oder, die Party beim Nachbar ist die beste deines Lebens. Alles ist möglich. Wir müssen nur eine Entscheidung treffen.

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Schulpause für pubertierende Teenager. Bitte!

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Zwischen dem 13. und 15. Lebensjahr sollte die Schulpflicht ausgesetzt werden. Warum? Nun ganz einfach: Jegliche in der Schule üblichen Aufgaben verursachen schlichtweg pure körperliche Schmerzen. Zudem scheint das pubertierende Gehirn wesentliche, schon einmal erlernte Fähigkeiten komplett auszublenden.

Zum Beispiel, die Sache mit dem Lesen: Diese Aufgabe wird mit einem gedeeehnten Stöhnen und einem schmerzverzerrten Gesicht begonnen. Langsamer als ein Erstklässler werden die ersten paar Zeilen gelesen, um nach spätestens 2 Minuten erschöpft auf dem Tisch zusammenzubrechen und zu behaupten, dass man nachdenken würde.

Jetzt werden Sie sagen, so schlimm könne es doch nicht sein. Darauf kann ich nur antworten: Doch. Es ist sogar noch schlimmer. Denn neben dem Lesen verlernen sie auch das Schreiben. Simple grammatikalisch korrekte Sätze nach dem einfachen Schema: Subjekt – Verb – Objekt, sind ein Buch mit sieben, ach was, zehn Siegeln, mindestens. Beim Schreiben werden keine Zeilen eingehalten, sondern es wird kreuz und quer auf dem Papier geschrieben. Zur Verteidigung der Heranwachsenden muss erwähnt werden, dass es sich mit dem Kopf auf dem Tisch liegend auch äußerst schwer ordentlich schreiben lässt.

Wieso die Kinder beim Schreiben mit dem Kopf auf dem Tisch liegen? Da bin ich wirklich überfragt! Vielleicht ist es ja ein notwendiger Schritt in der Entwicklung zum Erwachsenen sich an seine Urururvorfahren zu erinnern, die wohl auch so ihre Schwierigkeiten gehabt hätten, an einem Tisch aufrecht zu sitzen und sich gemütlich auf demselbigen gelümmelt hätten. Außerdem, Achtung O-Ton, „Kann man sich so vieel besser konzentrieren.“

Darüber hinaus ist jede intellektuelle Anstrengung schlicht weg unmöglich. Das Schreiben von Argumentationen führt zu nichts. Zum Beispiel beim Thema „Kopfnoten“, also jenen Noten am Anfang eines Zeugnisses, die Auskunft darüber geben, ob das Kind fleißig ist, gut mitarbeitet und sich benimmt. Da kommen dann so brillante Sätze zustande wie: „Ich bin dagegen, weil es ist nutzlos.“ Ende der Argumentation.

Wohingegen bei allen anderen, ganz praktischen Themen das Kind einen Endlosdiskutiermodus eingespeichert zu haben scheint. Über die Sinnhaftigkeit von Schule und Hausaufgaben an sich kann, wenn auch nicht argumentiert in dem eigentlichen Sinne, zumindest endlos geredet und lamentiert werden.

Aber der Höhepunkt ist erreicht, wenn vor lauter Unlust über alles und nichts hysterisch gelacht wird. Wenn über Menschen gesprochen wird, die in einer Massenpanik zertrampelt werden, kann man ungelogen in minutenlange Lachkrämpfe über das Wort „zertrampeln“ verfallen. Liebe Schulbehörden, als Lehrer möchte man dann eigentlich nur noch eines tun, nämlich …sich schreiend auf den Boden werfen und wie ein Kleinkind, das im Supermarkt seine Lieblingsschokolade nicht bekommt, um sich schlagen und treten.

Aus diesen Gründen erscheint es mehr als sinnvoll, die Schulpflicht für eine Zeit auszusetzen. Bei den Teenagern jedenfalls rennen sie damit offene Türen ein. Glauben Sie mir!

Zukunftserwartungen – What will be, will be…?

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Wart Ihr schon mal im Urlaub, der euch so gut gefallen hat, dass ihr denselben Urlaub im nächsten Jahr noch einmal gebucht habt? Mit der Erwartung, dass es genauso toll wird wie beim ersten Mal. Und dann war es ganz anders und ihr wart enttäuscht.

Unsere Erwartungen steuern unser Denken und Handeln. Im Laufe unseres Lebens machen wir unsere Erfahrungen. Dieses gesammelte Wissen nutzen wir, um Vorhersagen für die Zukunft zu machen. Zusammen mit dem, was wir von anderen Menschen hören, haben wir ein Bild von zukünftigen Ereignissen. Wie es normalerweise abläuft. Was möglich und unmöglich ist. Und darauf basierend richten wir unser Handeln aus. Aber wie oft hält sich das Leben eigentlich an Standards? Und wie oft haben wir durch diese Erwartungen schlechte Laune oder denken, dass wir etwas nicht erreichen können, was wir doch so gern erreichen möchten?

Die Hawaiianerin Kimi Werner spricht in ihrem Ted Talk über eine Erfahrung, die sie mit Erwartungen gemacht hat. Kimi Werner ist eine Freitaucherin, das heißt sie taucht ohne Sauerstoffflasche, um unter Wasser Fische mit einem Speer zu jagen. Sie kann ihren Atem über vier Minuten lang anhalten. Begonnen hat sie damit zur Selbstverpflegung. Doch dann nahm sie an Wettbewerben teil. Der erste Wettbewerb war die U.S. National Spearfishing Championship in 2008 in Newport, Rhode Island.

Bis dahin war Kimi nur in Hawaii getaucht, wo das Wasser klar war und sie bis zum Grund sehen konnte. Von der Oberfläche beobachtete sie die Fische und ging dann gezielt in die Tiefe. Der Atlantik jedoch war nicht klar, sondern dunkel und trüb. Sie wusste nicht, was sie am Boden erwarten würde, noch wo der Boden eigentlich war. Sie beschreibt es als einen blinden Sprung in die Dunkelheit, in die sie hinein tauchte. Nach einer Weile sah sie eine grüne Schicht und freute sich, dass sie den Boden gefunden hatte. Doch sie konnte hindurch tauchen. Später kam eine braune Schicht und wieder freute sie sich, dass sie endlich den Boden gefunden hatte und wieder konnte sie hindurch tauchen. Die Ungewissheit verunsicherte sie so sehr, dass sie nach Luft schnappend an die Oberfläche schwamm. Sie dachte, dass sie den Boden des Atlantik nie finden würde.

Sie wusste, sie musste ihre Erwartungen darüber, wo der Boden des Atlantik sein sollte, aufgeben und einfach an ihre Fähigkeiten glauben und daran, dass dieser Boden kommen würde. Mit dieser geistigen Einstellung fand sie ihn. Und entgegen ihrer Erwartungen konnte sie dort etwas sehen. Denn es gab Muscheln, die das Wasser filterten. Sie lernte eine neuen Fähigkeit, und zwar auf die Fische, die um sie herumschwammen, zu hören. Zum ersten Mal hörte sie die Fische und lernte so zu jagen. Sie gewann die Championships.

Wenn es um die Zukunft geht, springen wir alle in ein dunkles Meer, bei dem wir nicht wissen, wo der Boden ist oder was genau uns dort erwartet. Auch wenn alle heutigen Anzeichen noch so wenig einladend aussehen, heißt das nicht, dass uns am Boden des Ozeans kein klares Wasser erwartet und die Möglichkeit eine neue Fähigkeit zu erlernen und letztendlich als Sieger hervorzugehen. Unsere Erwartungen leisten uns sicher meist gute Dienste, aber sie sollten uns nicht so sehr kontrollieren, dass wir mutlos aufgeben. Das Leben hat deutlich mehr Variationen zu bieten, als wir erwarten können.

Don’t let it define you

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Sir Ken Robinson hat eine besondere Art auf die Bühne zu gehen, wenn er eine seiner unterhaltenden Präsentationen zur Erneuerung der Schulen hält. In einem eigentümlich schaukelnden Gang kommt er sein eines Bein nachschleifend und mit einem Gehstock auf die Bühne. Wie beschwerlich das Gehen für ihn ist, kann man sehen und dass ihn sein körperliches Handicap im Alltag einschränkt, kann man sich vorstellen. Vielleicht bringt es ihm auch den ein oder anderen schiefen Blick. Alles Bedingungen, die an dem Selbstbewusstsein eines Menschen nagen könnten. Sir Ken strahlt jedoch ein beneidenswert authentisches Selbstvertrauen aus, wenn er seine Reden hält. Er ruht in sich und scherzt mit seinem Publikum, so dass man ihn einfach mögen muss.

Seine Behinderung ist Teil von ihm, aber nicht das Wichtigste an ihm. Er lässt sich nicht allein durch sein Handicap definieren. „Don’t let it define you“, sagt der Beziehungscoach Matthew Hussey, wenn es um Makel geht, die uns von der Norm trennen. Und mal ehrlich, jeder von uns hat in seinem Leben eine Abweichung von dem, was als normal gilt. Makel und der Kampf damit einen uns. Dabei muss es sich nicht immer um so etwas Offensichtliches, wie eine körperliche Einschränkung handeln. Es kann zum Beispiel auch sein, dass man nicht dem entspricht, was als schön gilt. Oder man hat keinen gesellschaftlich anerkannten Beruf oder befinden sich nicht in dem Lebensabschnitt, in dem man gemäß seines Alters sein sollte. Nicht alle können wir damit so souverän umgehen wie Sir Ken.

Was wir von Sir Ken lernen können, ist, wie man die Aufmerksamkeit auf andere Eigenschaften der Persönlichkeit lenkt, an diesen arbeitet und sie stärkt. Humor ist übrigens eine der sympathischsten Charakterzüge, die es sich zu kultivieren lohnt.
Es ist eine bewusste Entscheidung, sich nicht auf den eigenen Makel zu konzentrieren. Macht man es doch, strapaziert man sein Selbstbewusstsein nur Übergebühr und nimmt sich die Kraft, die Persönlichkeit zu werden, die man sein könnte.
„Don’t let it define you“ ist eine gute Erinnerung daran, dass wir nicht dem Makel die Macht geben sollten, uns zu definieren, sondern dass wir selbst entscheiden, was uns ausmacht und was nicht.

Neuer Podcast-Beitrag

Was müssen Journalisten für die Zukunft lernen? Müssen sie nicht nur schreiben können, sondern auch noch IT-Spezialisten sein? Und wie sehen moderne Konzepte für die Zusammenarbeit der Abteilungen eines Verlages aus? Hört dazu ein Interview mit dem amerikanischen Journalisten Chad Smith.

High Potentials?

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Der Kampf um die besten Köpfe ist hart in Zeiten von Fachkräftemangel. (Wobei generell die Frage im Raum steht, wie man „die besten Köpfe“ definiert und wo es eigentlich Fachkräftemangel gibt. Nun gut.) Was hilft? Eine wettbewerbsfähige Entlohnung, denn sonst würden die Hochqualifizierten ja abwandern, so die gängige Meinung in Wirtschaft und Politik.
Ja vielleicht. Oder lockt man damit diejenigen an, die eine bestimmte formelle Ausbildung haben und darüber hinaus Sicherheit und Annehmlichkeiten schätzen? Was motiviert Menschen eigentlich zu Höchstleistungen?

Mit dem Rätsel der Motivation (Ted-Talk „The Puzzle of Motivation“) hat sich der US-amerikanische Autor Daniel H. Pink beschäftigt, der Sachbücher über Zukunftstrends in der Arbeitswelt, Wirtschaft und Technik schreibt.
Er sagt, es gebe ein Ungleichgewicht zwischen dem, was die Wissenschaft über Motivation wisse und was gängige Firmenpraxis sei. Die Strategie Mitarbeiter durch leistungsbezogene Belohnungen zu motivieren, würde im 21sten Jahrhunderts nicht funktionieren. Warum? Heute müssen für immer komplexere Probleme vor allem kreative Lösungen gefunden werden. Finanzielle Anreize könnten die Leistung dabei sogar negativ beeinflussen. Zu diesem Ergebnis kommt auch die London School of Economics and Political Science (LSE), die dazu 51 Studien ausgewertet hat.

Ok. Zieht Geld denn gar nicht? Nicht ganz. Nehmen wir eine Kerze, eine Packung Streichhölzer und eine Schachtel mit Reißzwecken und legen das ganze einer Testperson vor. Sie hat nun die Aufgabe, die brennende Kerze so an die Wand zu befestigen, dass kein Wachs auf den Boden tropft. Das ist das Kerzenproblem von Karl Duncker. Die Lösung besteht darin die Reißzwecken aus der Schachtel zu nehmen und die Schachtel mit einigen Reißzwecken an die Wand zu befestigen, um dann die Kerze in die Schachtel zu stellen und anzuzünden. Um diese Aufgabe lösen zu können, muss die Testperson die Schachtel nicht nur als Aufbewahrungsmittel für die Reißzwecken wahrnehmen, sondern als Teil der Lösung.

In den 60iger Jahren hat der Psychologie-Professor Sam Glucksberg eine Neuauflage dieses Experiments durchgeführt. Er nahm zwei Versuchsgruppen. Der einen Gruppe sagte er, dass er nur messen wolle, wie lange die Lösung dieses Problems in der Regel dauern würde. Der anderen Gruppe gab er Geldanreize für eine möglichst schnelle Lösung. Erstaunlicherweise war die Gruppe ohne Geldanreize schneller, und zwar gleich drei bis vier Minuten.
Nimmt man die Reißzwecken aber aus der Schachtel heraus und vereinfacht so das Problem, da die Schachtel nicht mehr hauptsächlich als Aufbewahrungsmittel gesehen wird, ist die Gruppe mit den Geldanreizen schneller.
Geldanreize funktionieren also bei einfachen Aufgaben mit einfachen Regeln und einem klaren Ziel. Bei Aufgaben, die eine kreative Lösung erfordern, funktionieren sie nicht. In der heutigen Arbeitswelt gibt es aber immer mehr Aufgaben, bei denen die Reißzwecken nun mal in der Schachtel liegen.

So. Und womit kriegen wir den nun unsere High Potentials? Pink sagt mit intrinsischen Motivationsfaktoren, die dem Wunsch des Mitarbeiters nach einer sinngebenden, interessanten und wichtigen Tätigkeit entgegenkommen. Drei Faktoren seien nach Pink motivierend: der Grad der Autonomie, den ein Mitarbeiter habe; die Möglichkeit immer besser in seiner Tätigkeit werden zu können und der Wunsch nach einer Tätigkeit, die einem bedeutenden Zweck dient.

Also liebe Firmen, keine Millionen, sondern eine sinnvolle Tätigkeit mit Entwicklungsmöglichkeiten und freiem Handlungsspielraum; das bringt Höchstleistungen hervor. Übrigens auch bei Nicht-High Potentials.

Über Schulen und lineare Lebensläufe

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Eines meiner Lieblingsbeschäftigungen, wenn ich abends im Bett liege, ist Ted Talks sehen. Ich weiß nicht, aber das meiste andere, was man sich im Internet so ansehen kann, ist entweder zu lang oder zu langweilig. Ted Talks, das sind die Mitschnitte von Reden, die eine Reihe schlauer, innovativer Leute auf den sogenannten Ted-Konferenzen gehalten haben, deren Motto „Ideas worth spreading“ ist. Die „Ideen, die es wert sind, verbreitet zu werden“ sind 15 bis 20 Minuten lang und gibt es zu allen möglichen Themen, gehalten von Professoren, Forschern, Firmengründern, Mönchen oder einfach nur Menschen, die etwas Besonderes erlebt haben.

Einer meiner Lieblingsredner momentan ist Sir Ken Robinson. Sir Robinson ist ein international geschätzter Berater für die Entwicklung von Kreativität, Innovation und Personal in Schulen und Unternehmen. Hört sich langweilig an, ist es aber nicht, wenn Sir Robinson darüber spricht. Mit Charme und einem hohen Unterhaltungswert erklärt er sein Anliegen, was es zu einer Lust macht, ihm zuzuhören.

Seine provokative These: „Do Schools Kill Creativity?“ – „Zerstören Schulen die Kreativität?“. Eine Art Fast Food Modell der Bildung, das seien die heutigen Schulen, geprägt durch drei Prinzipien: Linearität, Konformität und Standardisierung. Linearität, weil die Kinder einem vorgeschrieben Plan von Schule und Studium folgen würden, an dessen Ende der vermeintlich sichere Arbeitsplatz stehe. Konformität, weil alle Schüler gleich unterrichtet und allenfalls ihrem Alter entsprechend unterschiedlich behandelt würden. Standardisierung, weil in vielen Ländern Mathematik und Sprachen als wichtigste Fächer angesehen würden, es standardisierte Test gebe und auch der Schultag in Stunden- und Pausenabschnitten standardisiert sei. Das sei Lernen wie am Fließband. Aber, so Sir Robinson, menschliches Lernen sei kein industrieller Prozess, sondern organisch und vielfältig.

Linearität und Standardisierung, das ist Kontrolle, wozu wir Deutschen eine gewisse Affinität haben. Ein linearer Lebenslauf wird hoch geschätzt von den Firmen. Ist doch klar: Das haben wir natürlich alles so geplant. Jedenfalls versuchen wir es so in unserem Lebenslauf aussehen zu lassen. Aber finden die so Ausgebildeten auch die Lösungen für die Probleme von morgen? Angefüllt sind sie mit dem Wissen von gestern in ihrem Fachbereich. Doch können sie auch kreative, neue Ideen finden?

Kreativität, das seien originelle Ideen mit Wert, so Sir Robinson. Sie entstehe beim Austausch verschiedener Sichtweisen zu einem Thema. Und hier liegt das Problem. Bei einem linearen Lebenslauf und höchstmöglicher Spezialisierung fehlt es am interdisziplinären Austausch, der etwas Neues hervorbringen könnte. So kochen die Branchen in ihrem immer gleichen eigenen Saft. Sollte doch mal einer mit einer ungewöhnlichen Idee daherkommen, sieht er sich einer Armee linearer Lebensläufe gegenüber, die ihn ausbremst aus Mangel an Vorstellungskraft oder auch Risikofreudigkeit etwas Neues auszuprobieren und ja, dabei vielleicht auch zu scheitern, aber eben auch mit der Möglichkeit Innovationen hervorzubringen. Die Frage bleibt, können wir uns das in Zukunft leisten?

Das Potential der Kreativität zeigt ein Test von Sir Ken Robinson eindrucksvoll. Er gab Kindern ein weißes Blatt. Darauf war mit schwarzen Linien ein Dreieck gemalt. Sie sollten das Bild weiter malen. Die eine Gruppe war absolut frei, wie sie das Bild weiter malten; der anderen sagte er, es gebe eine richtige Lösung. Die Gruppe, die glaubte, es gebe eine richtige Lösung, ergänzte fast einheitlich das Dreieck so, dass ein Haus entstand mit dem Dreieck als Dach. Die andere Gruppe aber malte eine Vielzahl von verschiedenen und bunten Bildern. Es entstanden Gesichter und Vögel und vieles mehr.